In den letzten Jahren erleben das Bewegungstraining und Fitnesstraining für unsere Vierbeiner einen regelrechten Hype.

Natürlich ist das etwas, das mich generell sehr freut. Durch Bewegungstraining lasten wir unsere Hunde nicht nur körperlich und geistig aus. Der Hund lernt auch seinen Körper gezielt einzusetzen, das Körperbewusstsein, die Koordination, die Beweglichkeit, die Konzentration, das Selbstvertrauen und vieles mehr werden gezielt gefördert.

Aber dieser Hype hat auch eine negative Seite. Egal wo wir hinsehen, die Übungen müssen immer spektakulärer und besser aussehen. Es entsteht ein regelrechter Leistungsdruck, bei welchem der Hund Übungen zeigen soll, die teilweise sogar negative Effekte haben.

Wenn ein Hund ohne Vorerfahrungen beispielsweise auf ein Balancekissen gestellt wird und das ganze Kissen und der Hundekörper durchgehend „zittert“, hat das keinen positiven Effekt auf seine Muskulatur oder seine Balance. Viel wahrscheinlicher ist es, dass der völlig verkrampft auf dem Balancekissen steht und dann vielleicht sogar unter zusätzlichen Verspannungen leidet oder sich das nächste Mal weigert auf das Balancekissen zu steigen.

Auf was sollte ich im Bewegungstraining achten?

Die Übungen sollten zu dem Trainingszustand des Hundes passen und ihn nicht überfordern. Außerdem sollte sie an die jeweiligen Bedürfnisse des Hundes angepasst werden. Ein Senior hat andere Anforderungen als ein Welpe. Genauso hat ein Hund, der an Agility Turnieren teilnimmt, andere Anforderungen als ein Mantrailer.

Durch angepasstes Training erzielen wir eine bessere Körperwahrnehmung und Haltung. Der Hund lernt seinen Körper besser kennen und kann ihn dadurch gezielter einsetzen. Dadurch ist er nicht nur leistungsfähiger, sondern auch sein Verletzungsrisiko wird miniert.

Wie sieht es beim Menschen aus?

Im Grunde ist das Prinzip beim Menschen doch das Gleiche. Die Show Ninja Warrior erfreut sich in den letzten Jahren großer Beliebtheit, hier muss ein Parkour mit verschiedenen Übungen schnellstmöglich durchquert werden.

Wer mich kennt weiß, dass ich nicht sonderlich sportlich bin. Wenn ich mit diesem Sport nun starten würde und direkt in einen Parkour gehe, ist es recht wahrscheinlich, dass ich mich verletze. Die Übungen wären für meinen jetzigen Trainingsstand viel zu schwierig.
Zielführender wäre es mit einem Trainer gezielt Übungen auszuwählen, die zu meinem derzeitigen Trainingsstand passen und diese langsam zu steigern.

Warum verwenden wir dieses Prinzip nicht auch bei unseren Hunden?

Ein ausgebildeter Bewegungstrainer hilft die passenden Übungen für jeden Hund auszuwählen, dadurch werden die Übungen an die Fitness und den Trainingsstand des Hundes angepasst. Bei Erkrankungen sollte jedenfalls ein Physiotherapeut hinzugezogen werden.

Die Übungen sollten immer so aufgebaut werden, dass der Hund auch bereit ist etwas zu lernen. Es sollte die Balance und die Stärke gefördert werden. Er sollte nicht dazu gezwungen werden Übungen durchzuführen, denen der Hund körperlich nicht gewachsen ist.

Ein paar Dinge sollte ich beachten…

Eine Übung sollte zuallererst ohne zusätzliches Equipment funktionieren.

  1. Das bedeutet ich beginne mit Übungen auf dem Boden (bei rutschigen Böden mit Antirutschmatte) oder auf Erhöhungen mit stabilem Untergrund.
  2. Danach können – abhängig vom Hund – leicht nachgebende Untergründe (Schaumstoffkissen) oder leichte Balancekissen (z.B. fLEXIness TwinDisc oder einfache runde Balancekissen) verwendet werden.
  3.  Wenn das gut funktioniert kann man mit schwierigen Balancekissen beginnen zu trainieren. (z.B. K9FITbone)
  4. Als „Meisterklasse“ bezeichne ich bei meinen Kunden gerne die Donuts und Peanuts. Mit dieser Art von Balancekissen beginne ich erst zum Schluss.

Ich unterscheide auch gerne zwischen dem gesamten Körper, Vorder- und Hinterextremität. In meinem Training ist es so, dass die Hunde nacheinander ein Signal für die Vorderbeine, den gesamten Körper und die Hinterbeine lernen. Hier habe ich noch zusätzlich den Vorteil, dass ich meinen Hund nicht mit Futter auf das Gerät locken muss und er sich besser auf die Übungen konzentrieren kann.

Hier noch eine kleine Zusammenfassung, auf was du achten solltest:

  • Ich beginne zuerst die Übungen auf dem Boden aufzubauen.
  • Der Hund sollte keine Übung ausführen, in der er nicht innerhalb weniger Sekunden seine Balance findet.
  • Die Übung sollte so kleinschrittig wie möglich aufgebaut werden, damit der Hund zum Erfolg kommen kann.
  • Wenn der Hund die Übung am Boden korrekt ausführen kann, kann ich langsam beginnen Equipment hinzuzufügen.
  • Die Übung sollte immer auf den Fitness- & Trainingszustand des Hundes angepasst sein. Wenn eine Übung zu schwer ist, sollte man einen Schritt zurückgehen.

„This is what you want – you want your dog to KNOW how to find balance the moment that they feel unbalanced. (Das ist es was du willst – du willst, dass dein Hund weiß, wie er die Balance in dem Moment findet, in dem er sie verloren hat.)“ – Bobbie Lyons

Mein Fazit

Im Moment boomen wieder die Online Kurse und viele Übungen aus dem Bewegungstraining finden sich auch im Tricktraining wieder. Hier fehlt sehr häufig leider das Hintergrundwissen, wie diese Übungen körperlich korrekt ausgeführt werden sollten. Auch das Alter der Hunde wird hier leider häufig außer Acht gelassen.

Auch wenn es bei den Hunden – im Gegensatz zu den Menschen 😉 – sehr wenige „Sportmuffel“ gibt und die Hunde Freude an den Übungen haben, sollte das Alter und der Trainingsstand nicht vergessen werden.

Nicht jede Übung eignet sich für jeden Hund! Insbesondere im Wachstum ist es mir auch sehr wichtig keine zu fortgeschrittenen Übungen von dem Welpen/Jundhund zu verlangen. Trotzdem sehe ich immer wieder Kurse, bei denen beispielsweise die Übung „Männchen“ bereits Welpen beigebracht wird.

Natürlich können manche Übungen bzw. Tricks auch beigebracht werden, weil sie uns Menschen gefallen und wir uns wünschen, dass unser Hund diese Übung auch beherrscht. Das sollte aber niemals eine negative Auswirkung auf die Gesundheit und das Wohlbefinden unseres Hundes haben!

Im Bewegungstraining sollte es nicht darum gehen dem Hund immer kreativere und schwierigere Übungen beizubringen, sondern gezielt seine Fitness zu fördern und auf seinen individuellen Trainingsstand Rücksicht zu nehmen!

Ich empfehle außerdem jedem Hundehalter den eigenen Hund vor Beginn des Bewegungstraining einem Physiotherapeuten vorzustellen!